258. Das Zauberbuch und die gespenstischen Krähen. E-Mail

(Mitgeteilt vom Sem. Osw. Hübner aus Bernsbach.)


Eine alte Frau in Bernsbach, die selbst schon Großmutter war, erzählte, dass ihr Großvater einst einen alten Freund, der Gasthofsbesitzer in einem andern Orte war, besucht habe. Da gerade Heuernte gewesen, sei der Wirt mit allen seinen Leuten auf die Wiese gegangen, so dass nur sein alter Freund in dem Gasthofe zurückblieb. Dieser erhielt den Auftrag, Bier zu verschänken, wenn Gäste kämen. Als er nun allein gewesen, hätte er ein Buch aus einem Schranke genommen und sich mit Lesen darin vertieft. Auf einmal wäre eine Krähe an

das Fenster gekommen, und bald darauf wären noch mehrere gefolgt, welche sich sämtlich vor der Haustüre niedergelassen hätten. Auf einmal wäre aber der Wirt atemlos in das Haus gestürzt gekommen, hätte dem sonst sehr lieben Freunde eine Ohrfeige gegeben, das Buch weggenommen und die Worte gesprochen: „Wäre ich nicht gekommen, so wärest du in einer Viertelstunde tot gewesen, denn die Krähen hätten dich umgebracht!“ Daran ist bloß das Lesen in dem geheimnisvollen Buche schuld gewesen.


Die Raben, an deren Stelle bei uns im Glauben des Volkes auch die Krähen und Dohlen getreten sind, gelten als Teufelsvögel, deren Erscheinen gewöhnlich Unglück und insbesondere einen Todesfall verkündet. Nach einem slawischen Aberglauben sind überhaupt Vögel die Seelen Verstorbener, Raben und Krähen gelten als die Seelen Verdammter. Nach Aargauer Sagen entschweben die Seelen der Erlösten in Gestalt von Tauben, die von Verwünschten und Erhängten dagegen verwandeln sich in Raben. (Rochholz, a. a. O. I., S. 156.) Auf dem Kirchhofe zu Scherpenheuvel wurden die Nahewohnenden nach dem Begräbnisse eines Mannes, der ein schlechtes Leben geführt hatte, durch das Geschrei eines Raben in ihrer nächtlichen Ruhe gestört. (Nork, a. a. O., S. 275.)

Wie unter dem Einflusse der christlichen Bekehrer die alten heidnischen Gottheiten zu dämonischen und teuflischen Gestalten wurden, so auch die ihnen einst geheiligten Tiere. Auf den Schultern Odins fassen zwei Raben, „Hugin und Munin“, d. h. Gedanke und Erinnerung, welche jeden Tag durch die Welt flogen und dann dem Gotte Nachrichten ins Ohr raunten. In Erinnerung an diese einst dem Gotte beigegebenen Vögel erzählt die Sage, dass der Kaiser Friedrich Barbarossa, aus dessen Gestalt, ebenso wie auf die anderer beliebter Helden, Odin übertragen wurde, im Kyffhäuser einen Hirten frug, ob noch die Raben um den Berg flögen. Nach einer lausitzischen Sage dagegen wurde der wilde Jäger, d. i. Odin, in einen Nachtraben verwandelt.



 
< zurück   weiter >