655. Der Peststein bei Rauenstein. E-Mail

(Dietrich und Textor, Die romantischen Sagen des Erzgebirgs. 1. B. S. 305 ec. Darnach bei Gräße a. a. O. No. 563.)


Ein furchtbarer Krieg war vorüber, nach ihm erschienen teure Jahre, die Hungersnot und die Pest. Am verheerendsten wütete letztere im niedern Erzgebirge bis gegen Rauenstein und Lengefeld. Die letztgenannte Stadt wurde deshalb von dem Verkehre abgesperrt. Nun lebte aber in dem nahen Reifland ein junger Mann, der Sohn des Richters, welcher mit der Enkelin des ehrwürdigen alten Pfarrers zu Lengefeld verlobt war. Einst hatte er dieselbe mit eigener Lebensgefahr aus den Fluten der Flöha gerettet. Da nun die schreckliche Pest jeden Tag neue Opfer forderte und auch seine Braut, deren Vater und Großvater davon befallen wurde, brach der Jüngling nach Freiberg auf, wo unterdes die Pest nachgelassen hatte. Dort hatten die Totengräber mehrere gewürzhafte Kräuter und Wurzeln in scharfen Essig aufgesetzt und damit sich selbst und vielen geholfen. Mit diesem Wunderessig, von welchem ihm die Totengräber angegeben hatten, dass er ihn aus einer

berühmten Apotheke hole, kehrte der Jüngling um Mitternacht nach Reifland zurück, und als er seinen schlafenden Vater geküsst, schwamm er über die Flöha und gelangte unbemerkt zwischen den Wachen hindurch nach Lengefeld. Um den Vater seiner Braut zu retten, kam er zwar zu spät, allein es gelang ihm doch, diese selbst, sowie deren Großvater und viele andere mit seinem Wunderessig wieder herzustellen. Bald verschwand die furchtbare Pest, die Sperre wurde aufgehoben und die übrig gebliebenen Bewohner von Lengefeld, Rauenstein und Reifland feierten ein Wiedersehens- und Dankfest. Auf der Stelle, wo dies geschah und die Einwohner genannter Orte sich trafen, wurde zur Erinnerung ein Stein aufgerichtet und dieser bewahrt noch heute die Erinnerung an jene traurige Zeit.



 
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