201. Die Melusina. E-Mail

(Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren, 1. B. Prag und Leipzig, 1864, S. 3.)


In Bäringen heißt der Sturmwind „Melusina´s Klagen um ihre Kinder“, und wahr muss dies sein, sonst würde man nicht am heiligen Abende, an welchem man neunerlei essen soll, das Tischtuch mit dem Überreste in eine Staude ausschütteln, damit die Melusina, die man wohl hie und da auch heilige Melusina nennt, etwas zu essen habe.


Die Melusina tritt nach allen Überlieserungen unverkennbar als Lustgeist auf. So sagt man z. B. noch anderwärts in Böhmen, wenn der Wind recht pfeift und heult, das sei die Melusina, welche mit ihren Kindern durch die Lust fliege und jammere. Im Jungbunzlauer Kreise denkt man sich dieselbe angetan mit einem schwarzen Mantel und in der Hand ein Sieb haltend, aus welchem Schloßen und Hagel herausfliegen. Bemerkenswert ist schließlich, dass die Tschechen für „sterben“

die Redensart haben: „mit der Melusina Salz lecken.“ (Grohmann, Aberglauben und Gebräuche ec., S. 3 und 234.)

In den Niederlanden sagt man von dem Wirbelwinde, er sei die „fahrende Frau“ oder „fahrende Mutter“, und nach einem Glauben in Westflandern hält die von ihren Ältern verwünschte Königstochter Alvina im heulenden Sturmwinde ihre Umfahrt und weint.

Wenn man im Anfange den Wind mit einem heulenden und gefräßigen Tiere verglichen hat, das alles, was in seinen Weg tritt, vernichtet, so lag dann der allmähliche Übergang dieser Vorstellung in diejenige von einem Geiste, der hungrig im Winde dahinfährt, nahe. In manchen Gegenden Bayerns findet sich der Gebrauch, bei heftigem Sturme einen Mehlsack zum Fenster hinaus für den Wind und sein Kind auszuschütten, wobei man spricht: „Nimm das, lieber Wind, koch´ ein Mus für Dein Kind!“ In diesem Gebrauche zeigt sich eine große Übereinstimmung mit demjenigen in Bäringen, wo die Speisereste aus dem Tischtuche für die im Sturmwinde klagende Melusina ausgeschüttet werden. Der Gebrauch, dem Wind Mehl zu streuen, scheint auch in den deutschen Alpen vorhanden zu sein, wenigstens findet sich bei Rosegger (die Schriften des Waldschulmeisters, 3. Aufl. S. 170) folgende Stelle: „Sie (die Waldleute in den Winkeln) streuen Mehl in den Wind, um dräuende Stürme zu sättigen - so wie die Alten den Göttern haben geopfert.“ In anderen Gegenden nehmen die Landleute, wenn der Wind 12 Tage vor Weibnachten am ärgsten tobt, Äpfel und Nüsse und werfen sie in den Ofen, indem sie sagen, dass sie das der „Windsbraut“ zum Essen geben. (Henne-Am-Rhyn, a. a. O., S. 55.)

Wie aber ist zu erklären, dass der Sturm Melusinas Klage um ihre Kinder genannt wird? Als nach der Erzählung Gustav Schwabs (Deutsche Volksbücher, 3. B,) die Brunnennymphe Melusina von ihrem Gemahle Raimund Abschied genommen und sich, halb zur gräulichen Schlange verwandelt, zum Fenster hinausgeschwungen hatte, hörte man dreimal um das Schloss lautes Rauschen und ein Klaggeschrei, zur Nachtzeit aber sah die Amme der beiden kleinen Söhne Melusinas, wie letztere in gespenstischer Gestalt wiederkehrte und die Kinder aus der Wiege nahm und säugte, so dass dieselben zusehends gediehen.



 
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